Ungarn-Wahl: Wie sich Viktor Orban Stimmen erkauft
Orban unter Druck wie nie Orban soll sich Tausende Stimmen bei den Armen erkauft haben
Ungarn steht an diesem Sonntag vor einer Richtungswahl. Nach 16 Jahren ist Viktor Orbán unter Druck wie nie. Korruptionsvorwürfe, ein brisanter Doku-Film und ein überraschend starker Herausforderer prägen den Wahlkampf. Kippt das System – oder hält es stand?Publiziert: 17:00 Uhr|Aktualisiert: 17:16 Uhr Teilen Anhören Kommentieren1/5In der Nähe des Dorfes Tiszabura liegt eine Roma-Siedlung.Foto: Screenshot «The Price of the Vote»Darum gehts
KI-generiert, redaktionell geprüft- Ungarn wählt ein neues Parlament, 17 Prozent Stimmen bis 9 Uhr abgegeben
- Dokumentarfilm enthüllt systematischen Stimmenkauf – bis zu 600'000 betroffene Stimmen
- 53 von 106 Wahlkreisen untersucht, Stimmenkauf für 110–130 CHF pro Stimme
In Ungarn wird gewählt – und schon am Morgen deutet sich eine aussergewöhnlich hohe Beteiligung an. Bis 9 Uhr haben bereits fast 17 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihre Stimme abgegeben. Insgesamt entscheiden an diesem Sonntag rund 8,1 Millionen Menschen über ein neues Parlament. Nach 16 Jahren Fidesz-Herrschaft unter Viktor Orban (62) liegt die Regierungspartei in Umfragen deutlich zurück. Die Tisza-Partei von Peter Magyar (45) führt mit 46 bis 56 Prozent.
Orbans Nähe zu Russland, der anhaltend konfrontative Kurs gegenüber der EU sowie Vorwürfe von Korruption und Vetternwirtschaft könnten ihm nun zum Verhängnis werden. Beobachter sehen die Wahl als möglichen Wendepunkt – auch weil sich im Vorfeld erneut gezeigt hat, wie weit die Regierung geht, um ihre Macht zu sichern.
Skandal um «The Price of the Vote»
Für Aufsehen sorgte der Dokumentarfilm «The Price of the Vote», der in einem Budapester Kino gezeigt wurde und auch auf Youtube zu sehen ist. Sechs Monate lang untersuchten unabhängige Filmemacher 53 von 106 Wahlkreisen. Ihr Befund ist brisant: Bis zu 600'000 Stimmen – rund zehn Prozent der erwarteten Wahlbeteiligung – könnten systematisch gekauft worden sein.
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Geld und Drogen für die Stimme
Besonders in strukturschwachen, ländlichen Regionen mit hohem Roma-Anteil beschreiben die Recherchen ein System umfassender Abhängigkeit. Fidesz-nahe Bürgermeister kontrollieren demnach Arbeitsmöglichkeiten, Transport zu Wahllokalen, Sozialhilfen und selbst den Zugang zu medizinischer Versorgung. Wer sich widersetzt, riskiert Sanktionen. Ein Betroffener berichtet, er habe seine Kandidatur zurückgezogen, nachdem Behörden Druck auf seine Kinder ausgeübt hätten.
Frühere Wahlen hätten in solchen Regionen teils Ergebnisse von 80 bis 100 Prozent für Fidesz gebracht – ermöglicht durch Methoden wie Kettenwählen, fotografierte Stimmzettel oder «begleitete» Stimmabgaben. Filmemacher Aron Timar bringt es im BBC-Interview auf den Punkt: «Geld ist nur das Sahnehäubchen – entscheidend sind Abhängigkeit und Verletzlichkeit.»
Armut als politisches Druckmittel
Ein Beispiel ist das Dorf Tiszabura in Zentralungarn, das im Film gezeigt wird: in der Nähe ein Roma-Viertel: keine befestigten Strassen, kein fliessendes Wasser. Armut, wohin man schaut. Viele Familien leben von umgerechnet etwa 550 Franken im Monat.
Kurz vor der Wahl kommen dann Fidesz-nahe Männer ins Dorf, bieten Geld, Medikamente, Drogen, berichten die Einwohner. Wer nicht auf die Angebote eingeht, wird bedroht. Auch mit dem Jugendamt, so Mütter, denen gedroht wurde, ihre Kinder wegzunehmen.
Magyars Herausforderung
Peter Magyar, einst selbst Teil des Fidesz-Systems, hat den Kampf gegen Korruption ins Zentrum seines Wahlkampfs gestellt. Sein politischer Aufstieg begann 2024 mit einem Skandal um einen umstrittenen Gnadenentscheid. Präsidentin Katalin Novák hatte einen in einen Missbrauchsfall verwickelten Heimleiter begnadigt – und trat nach massiver Kritik zurück. Magyar nutzte die Affäre für eine scharfe Abrechnung mit dem System Orban.
In einem vielbeachteten Youtube-Interview warf er der Regierung Korruption und Nepotismus vor. Kurz darauf schloss er sich der Tisza-Partei an und führte sie bei der Europawahl 2024 zu einem überraschend starken Ergebnis. Nun könnte er vor dem bislang grössten politischen Umbruch seit Jahren stehen – und Orbans Macht ernsthaft gefährden.
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