Magyar will das System Orban stürzen – aber wofür steht er eigentlich?
Magyar will das System Orban stürzen – aber wofür steht er eigentlich?
Aktualisiert am 12.04.2026, 23:19 Uhr © Reuters Lesedauer:4 Min. Von Thomas PillgruberPeter Magyar war einst Teil des Orban-Systems. Jetzt gibt er sich als Antithese zum amtierenden Ministerpräsidenten – und hat die Wahl klar gewonnen. Doch wohin das Land unter ihm steuern könnte – unklar. In Brüssel sieht manch einer den Oppositionspolitiker eher als eine Art "Orban-Light" denn als Reformer.
Peter Magyar hat bei der Parlamentswahl in Ungarn geschafft, was lange unmöglich schien: Er hat den seit 16 Jahren regierenden rechtsnationalistischen Ministerpräsidenten Viktor Orban vom Thron gestoßen und wird aller Voraussicht nach demnächst die Geschicke des zentraleuropäischen Landes lenken.
"Wir haben Ungarn befreit", rief der 45-Jährige am Sonntagabend zehntausenden Anhängern in Budapest zu. "Gemeinsam haben wir das Orban-Regime gestürzt - gemeinsam." An Magyars Sieg knüpfen sich in der EU große Hoffnungen: Orban, der dienstälteste Regierungschef der Europäischen Union, ist seit Jahren auf Konfrontationskurs zu Brüssel.
Doch noch vor wenigen Jahren applaudierte Peter Magyar bei Reden des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban aus der ersten Reihe. Doch Anfang 2024 wechselte der 45-Jährige die Seiten. Und jetzt könnte er Orban, der seit 16 Jahren ununterbrochen regiert, bei der Parlamentswahl sogar stürzen.
Magyar war früher selbst Mitglied in Orbans Partei Fidesz und arbeitete für die Regierung. Als diese im Februar 2024 von einem Skandal um die Begnadigung eines in Kindesmissbrauch verwickelten Mannes erschüttert wurde, wandelte er sich zum politischen Gegenspieler. Mit scharfen Angriffen gegen den Ministerpräsidenten mauserte er sich in kürzester Zeit zum neuen Hoffnungsträger der Regierungsgegner.
"Man nannte mich die 'ewige Opposition' innerhalb von Fidesz", sagte Magyar 2024 der Nachrichtenagentur AFP kurz nach seinem Bruch mit dem Regierungslager. Der 45-Jährige, der die politische Kommunikation in Onlinenetzwerken beherrscht und auf Wahlkampfbühnen als geübter Rhetoriker auftritt, verspricht den Ungarn einen grundlegenden Wandel.
Unter Orban hat die Demokratie in Ungarn gelitten
Unter Orban hat die Demokratie in Ungarn massiv gelitten. Das Wahlsystem schnitt er auf sich und seine Fidesz-Partei zu, die Justiz brachte er unter seine Kontrolle und die Medienlandschaft ist größtenteils in den Händen von Orban-Vertrauten. Dazu kommt, dass in Ungarn ein korruptes System der Klientelwirtschaft etabliert wurde.
Interview Schicksalswahl in Ungarn Wahlforscherin: "Es steht viel auf dem Spiel" vor 17 Tagen von Dominik BardowSollte er die Wahl gewinnen, will Magyar das gesamte politische System "Stein für Stein" abbauen, erklärte er im Vorfeld. Er versprach seinen Wählern etwa Verbesserungen im Gesundheitswesen und einen entschlossenen Kampf gegen Korruption.
Magyars Status als ehemaliger Regierungs-Insider trug nach Angaben des Politikexperten Andrzej Sadecki zu seinem kometenhaften Aufstieg bei. Ihm werde Glauben geschenkt, wenn er versichere, "dass das System von innen verdorben sei", sagt der Forscher vom Warschauer Zentrum für Oststudien (OSW). "In gewisser Weise ist Magyar wie Orban vor 20 Jahren – nur ohne all den Ballast, die Korruption und die Fehler, die an der Macht begangen wurden."
Einst profitierte Magyar vom System-Orban
Magyar entstammt einer einflussreichen konservativen Familie und interessierte sich schon in jungen Jahren für Politik. Während seines Jurastudiums freundete er sich mit Orbans derzeitigem Bürochef Gergely Gulyas an und lernte seine spätere Frau Judit Varga kennen. Das Paar heiratete 2006. Nach einem Aufenthalt in Brüssel, wo Magyar im diplomatischen Dienst arbeitete, kehrte die Familie 2018 nach Ungarn zurück.
Magyar übernahm die Leitung der staatlichen Agentur für Studentenkredite und war Aufsichtsratsmitglied in mehreren anderen staatlichen Unternehmen. Seine Frau stieg 2019 zur Justizministerin im Kabinett Orban auf. Magyar und Varga haben drei gemeinsame Kinder und ließen sich 2023 scheiden.
Während Varga im Zuge des Begnadigungsskandals zurücktrat, rückte sich ihr Ex-Mann ins politische Rampenlicht. Zu seiner ersten Kundgebung strömten zehntausende Demonstranten. Bei der Europawahl 2024 wurde seine Tisza-Partei zweitstärkste Kraft hinter Orbans Fidesz.
Magyar sei schnell als "mutig und tatkräftig" wahrgenommen worden, sagt die Medienwissenschaftlerin Veronika Kovesdi von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest. Zudem sei ihm die Bereitschaft zugeschrieben worden, "persönliche Risiken einzugehen". Durch seine Kommunikation in den Onlinenetzwerken habe er sich eine große Reichweite verschafft. Nach Einschätzung von Kovesdi sehen viele seiner Anhänger in ihm einen "Helden", der "unermüdlich für sie kämpft".
Mit zunehmender Popularität sah sich Magyar aber zugleich einer Reihe von Anschuldigungen ausgesetzt, die er als einen "Tsunami aus Hass und Lügen" abtat. Dazu zählten auch Vorwürfe häuslicher Gewalt, die von seiner Ex-Frau Varga erhoben wurden.
Wofür steht Magyar eigentlich?
"Da er innerhalb von Fidesz sozialisiert wurde, gibt es auch Zweifel, ob er in der Lage ist, einen wirklichen Bruch mit dem Orban-System herbeizuführen", sagt der Politikexperte Sadecki. Und auch sein genereller politischer Kurs wirft noch Fragen auf. Selbst bezeichnet sich Magyar als Konservativer und "rechts" – also ganz ähnlich wie Orban.
Anders als der amtierende Ministerpräsident, der innerhalb der EU immer wieder mit Blockaden seine Interessen durchsetzen will, gibt Magyar an, konstruktiver mit politischen Partnern zusammenarbeiten zu wollen. Er wolle Ungarn wieder zu einem verlässlichen Nato- und EU-Partner machen. Doch ob es auch wirklich so kommt? Daran hat man in der EU Zweifel.
Orban droht Niederlage Was würde ein Machtwechsel in Ungarn für Europa bedeuten? vor 8 TagenEs sei ein Fehler, Magyar als eine Art "friedfertigen Europafreund" zu sehen, sagte ein EU-Diplomat der Nachrichtenagentur dpa. Zwar dürfte sich die anti-europäische Rhetorik ändern, die grundsätzliche politische Ausrichtung aber ähnlich bleiben. Ein anderer Diplomat nannte Magyar "Orban ohne die Korruption".
Wie Orban vertritt Magyar einen scharfen Anti-Einwanderungskurs und lehnt Waffenlieferungen an die Ukraine ab. Mit Blick auf die Rechte von LGBTQ-Menschen, die unter Orban eingeschränkt wurden, äußerte sich der Oppositionspolitiker vage. Linksgerichtete Wähler seien "vielleicht nicht ganz zufrieden mit seinem Programm, unterstützen ihn aber dennoch, da er die beste Chance auf Veränderung darstellt", betont Politikexperte Sadecki.
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Vielleicht versucht Magyar nur, Themen vor der Wahl nicht zu sehr hochkochen zu lassen, die bei der konservativen Wählerbasis für Unruhe sorgen könnten. Aber vielleicht ist von ihm, der selbst lange vom politischen Filz der Fidesz profitiert hat, auch kein völlig grundlegender Wandel zu erwarten. Selbst in Ungarn ist man sich nicht ganz sicher, wie es unter Magyar weitergehen könnte.
Was nach der Wahl aber klar ist: Ungarn will einen Wechsel. (afp/dpa/bearbeitet von thp/ras)
Teaserbild: © IMAGO/EST&OST/Martin Fejer Feedback an die Redaktion